|
Maulawi und die Sufischule in Chorasan Die Liebesmystik Maulanas |
|||||
|
Nasrullah Pourdschawadi Der folgende Vortrag, der hier in Auszügen wiedergegeben wird, war einer der Beiträge beim Seminar über Maulana Dschalal-ud-Din Rumi und seinen Beitrag zum Dialog der Kulturen, das am 16. November 2001 in Wien veranstaltet wurde. Das Thema, über das ich sprechen möchte, ist die Stellung Maulana Dschalal ud-Din Rumis oder Maulawis in der Geschichte des islamischen Sufismus, insbesondere dem Sufismus im Iran. Wir wissen, dass Maulawi ein Sufi war und der Sufischule angehörte. Aber der Sufismus war im Islam keine einheitliche mystische Bewegung. In der islamischen Welt hatten wir verschiedene mystische oder spirituelle Schulen, von denen der Sufismus allerdings eine der wichtigsten und einflussreichsten war. Allerdings war der Sufismus keine einheitliche Schule, sondern es gab zahlreiche verschiedene Richtungen. Das was ich meine, sind nicht verschiedene Sufiorden. Die Sufiorden gehen normalerweise alle auf einen großen Sufimeister zurück, wie die Kubrawije, die Scheich Nadschmuddin Kubra folgen, die Sohrawardije, die Schahabuddin Sohrawardi folgt, oder die Moulawije, die Dschalal ud-Din Moulana folgt, usw. Es gab auch eine Schule in Chorasan, d. h. in Groß-Chorasan, mit großen Scheichs wie Hakim Tarmazi, Abu Hafs Haddad Neischaburi und Baijazid Bastami. In den folgenden Jahrhunderten entstanden aufbauend auf diese Schulen verschiedene Zwei ge, die einander stark beeinflussten. Z. B. in Fars, dessen Zentrum Schiraz war, entstand eine Schule, der Abu Abdillah Ibn-e-Hafife Schirazi, Abu-l-Hassan Deilami, Abu Eshaq Kaseruni und danach Ruzbahan Baqli und seine Nachfahren und Anhänger angehörten. Diese Schule wurde selbst von der Schule von Bagdad und dem Sufismus der Bagdader, besonders Dschunaid, beeinflusst. Auch in Isfahan war eine Schule, die im dritten Jahrhundert Muhammad Ibn-e-Jusuf al-Banna und Ali Ibn-e-Sahl Isfahani gründeten und die bis zum fünften Jahrhundert weiter bestand. Abu Na'im Isfahani und Abu Mansur Isfahani waren beide dieser Schule und dem Sufismus der isfahanischen Schule zugehörig - ein Sufismus, der selbst sehr stark durch die Schule von Bagdad beeinflusst wurde... Im Sufismus, der in Chorasan entstand, müssen wir zwei Perioden unterscheiden. Die erste Periode umfasst das zweite, dritte und den Anfang des vierten Jahrhunderts. Berühmtheiten wie Schafiq Balchi, Ahmad Ibn-e-Chasruje Balchi, Abu Turab Nasafi, Abu Hafs Haddad Neischaburi, Hakim Tarmazi, Bajazid Bastami und zig andere Scheichs sind ihr zuzurechnen.. Die zweite Periode begann in der Sufigeschichte mit der Abspaltung der Bagdader Sufischule am Beginn des vierten Jahrhunderts. Nach der Hinrichtung von Hussein Ibn-e-Mansur-e-Halladsch in Bagdad im Jahre 309 n. H.(921 n. Chr.) und den schwierigen Bedingungen für den Sufismus, kamen die Schüler der Bagdader Sufimeister nach Chorasan. Besonders die ursprünglich chorasanischen Schüler, wie Abu-l-Qassem Nasrabadi und Esma'il Ibn-e Nadschid, gründeten die Schule von Chorasan, die selbst vom ursprünglichen Sufismus beeinflusst wurde und im fünften Jahrhundert sehr stark und richtungsweisend wurde. Große Sufimeister und Schriftsteller gehörten dieser Schule an: Z. B. Abu Bakr Kalabazi, Abu Nasr Sarradsch Tusi, Abu `Abd-ur-Rahman Selmi Neischaburi, Abu-l-Qassem Karkani, Abu-l-Hassan Charaqani, Abu Sa'id Abu-l-Chair, Ab`Ali Farmadi, Abu-l-Hassan Basti, Chadsche `Abdullah Ansari, Abu-l-Qassem Quschairi, Abu Osman `Ali Hodschwiri, Muhammad und Ahmad Ghazali. |
|||||
|
Hodschwiri sagt im Buch Kaschf ul-Mahdschub über den Sufismus von Chorasan in
dieser Zeit: "Heute ist der Schatten der Zuwendung der Wahrheit(d. h. Gottes)
dort." Nachdem er einige von den berühmten Scheichs dieser Schule nennt, sagt
er, dass deren Zahl so groß ist, dass er sie nicht alle aufzählen kann. Hodschwiri
sagt wörtlich: "Es wäre kaum möglich, sie alle aufzuzählen. Ich habe dreihundert
Leute in Chorasan gesehen, die alle selbst eine eigene Lehre hatten, von denen
eine für die ganze Welt genug wäre. Dies sage ich deshalb, weil die Sonne der
Liebe und die Beachtung dieser Schule (Tariqat) alle glückverheißende Botschaften
für Chorasan sind. (d. h. Chorasan hat eine große und glückliche Zukunft, weil
es ein so guter Boden für die spirituellen Werte ist) (Kaschf ul-Mahdschub Hodschwiri,
Ausgabe von Jukowski, S. 216)... Wir wenden uns der Frage zu, welcher Schule
Maulana zuzurechnen ist und in den Lehren welcher Scheichs seine Gedanken ihre
Wurzeln haben. Bevor wir dieses Thema erläutern, ist es notwendig, einen Punkt
bezüglich der Existenz einer Beziehung zu Muhji-d-Din al-`Arabi zu klären.
Maulana lebte eine Zeit lang in Damaskus und es wird überliefert, dass er Muhji-d-Din getroffen oder mit ihm gesprochen habe. In der Zeit, in der er in Konja lebte, war auch Sadr ud-Din Qunawi, der größte Schüler und Lehrer der Auffassungen des Sufismus und Gnostizismus von Ibn-e `Arabi, in dieser Stadt. Manche stellten sich die Frage, ob Maulana von Ibn-e `Arabi und den Lehren von Sadr ud-Din beeinflusst wurde oder nicht? Anders ausgedrückt: War das Verständnis des Sufismus von Maulana das gleiche wie das dem Sufismus Ibn-e `Arabis verpflichtete Sufismusverständnis von Sadr-ud-Din und seinen Schülern und Anhängern, wie Sa'id ud-Din Furghani, Muajjid ud-Din Dschundi, Dawud Qaisari und `Abd-ur-Razzaq Kaschi? Die Antwort auf diese Frage ist absolut negativ. Maulawi kannte allerdings Sadr-ud-Din Qunawi, aber in der Zeit in der Sadr-ud-Din Sufismus und Gnostik unterrichtete, war Maulana selbst am Höhepunkt seiner sufischen und gnostischen Erkenntnis und schenkte dem Sufismus von Ibn-e `Arabi keine besondere Aufmerksamkeit, weil der Sufismus mit den Lehren von Ibn-e `Arabi keine Vollkommenheit erreichte. Es ist auch zu beachten, dass manche Sufimeister die Lehren von Ibn-e `Arabi als fehlerhaft, eine Revision vom ursprünglichen Ziel des Sufismus sahen.... Was war dieser reine und ursprüngliche Sufismus von Chorasan und welche Besonderheiten hatte er? Die Antwort auf diese Frage ist hier schwer zu geben und in diesem kurzen Artikel kann man dieses Thema nicht ausreichend behandeln. Ich werde nur versuchen, einen Überblick über einige Besonderheiten dieser Schule zu geben. Wenden wir uns dem Masnawi zu und hören seine ersten Verse: Seine berühmten ersten Verse beginnen, wie wir wissen, mit dem Klang der Flöte (ney), der eine Klage über das Getrenntsein ist. Über diesen Klang sagt Maulawi: Dieser Klang des nay ist Feuer und kein Wind Im nachfolgenden Vers macht er das Wesen dieses Feuers deutlich: Das Feuer der Liebe ist es, das in die Flöte (nay) gelegt ist. Das Kochen der Liebe ist es, das in den Wein (may) gelegt ist.
|
|||||
| nächste Seite | |||||