CHRISTLICH-ISLAMISCHE BEGEGNUNG ZUM
THEMA

DIALOG DER RELIGIONEN ALS WEG ZUR
STÄRKUNG DES FRIEDENS

Die Reise des iranischen Präsidenten Chatami nach Österreich wurde außer zur Fortführung und Erweiterung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, die seit Jahren bestehen, wegen seiner Bedeutung als einer geistlichen und religiösen Persönlichkeit, zu einer kulturellen Reise in Richtung des Dialogs der Zivilisationen genützt, da er selbst der Theoretiker dieses Dialogs ist.

Dieser Dialog zählt zu den wichtigsten und beachtenswertesten Punkten seiner Reise nach Österreich. Daher fand im Rahmen des Staatsbesuchs am 12. März im Kleinen Redoutensaal der Wiener Hofburg eine Gesprächsrunde statt, an der neben Bundespräsident Klestil, Präsident Chatami und Kardinal Schönborn auch viele andere hochrangige österreichische und iranische Persönlichkeiten teilnahmen.

Vielleicht gab es in der Geschichte bei den Gepflogenheiten der politischen Beziehungen noch keine solche Vorgangsweise. Dies kann daher ein Vorbild für die politischen Führer der Welt sein, dass sie ihre Gespräche neben dem Politischen auch zum Teil dem Dialog der Zivilisationen widmen, damit die Völker in einem weltweiten gegenseitigen Verständnis leben können.

In diesem Teil der Zeitschrift wollen wir zusammenfassend den Inhalt der Eröffnungsansprachen dieses Rundgesprächs beim Besuch des iranischen Präsidenten wiedergeben.

Begrüßung durch Bundespräsident Dr. Thomas Klestil

Sehr geehrter Herr Staatspräsident! Hochwürdigster Herr Kardinal! Eminenzen, Exzellenzen! Meine Damen und Herren!

Sehr gerne habe ich Ihrem Wunsch, Herr Staatspräsident, entsprochen, im Rahmen Ihres Staatsbesuches in Österreich die Möglichkeit eines kulturellen Austausches zu haben, bei dem es um die Frage geht, welchen Beitrag die Religionen zum Frieden in der Welt leisten können.

Ich danke allen, die meine Einladung zu diesem Gespräch angenommen haben, und bin sicher, dass es sich grundlegenden Fragen unserer Gegenwart und Zukunft auf hohem Niveau widmen wird.

Meine Damen und Herren!

Die Welt kommt nicht zur Ruhe. Das ist gut und gleichzeitig auch problematisch. Gut dort, wo durch Neuerungen das Leben der Menschen verbessert und ihnen eine Zukunft in Frieden und Wohlstand ermöglicht wird. Problematisch hingegen dort, wo unüberwindliche Gegensätze jedes Leben in Ruhe und Frieden unmöglich machen, wo Konflikte - oft fremd bestimmte- täglich neue Opfer fordern und es schon als positiv empfunden wird, wenn neues Blutvergießen vermieden werden kann....

Wir leben heute in einer vielgestaltigen Welt, die gleichzeitig durch einen unablässigen Fluss von Informationen gekennzeichnet ist und in der kulturelle Unterschiede häufig als Anlass für Konflikte herangezogen werden. Den Anderen als Feind zu betrachten - ,nichts ist einfacher, nichts ist naheliegender und nichts ist verhängnisvoller. Denn Vielfalt bedeutet Reichtum, nicht Bedrohung....

Ich habe es daher als faszinierend, wichtig und mutig empfunden, als Sie, Herr Staatspräsident, im Herbst 1998 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen den Vorschlag gemacht haben, ein weltweites Jahr des "Dialoges der Zivilisationen" auszurufen. Ihre Anregung fand allgemeine Zustimmung und wurde von der 53. UNO-Generalversammlung einstimmig angenommen und im vergangenen Jahr auch in die Tat umgesetzt....

Österreich, das auf eine lange Tradition interreligiöser bzw. interkultureller Dialoginitiativen zurückblicken kann, hat Ihren Vorschlag und die Entschließung der Vereinten Nationen voll unterstützt und im Jahr 2001 auch eine Reihe von Veranstaltungen in diesem Sinne durchgeführt...

Ich selbst habe anlässlich der furchtbaren Terroranschläge in den Vereinigten Staaten zu einer interreligiösen Gedenkstunde in der Hofburg eingeladen, an der Vertreter aller monotheistischen Religionsgemeinschaften teilnahmen. Ich glaube, dass Österreich aufgrund seiner Geschichte und Kultur eine aktive und konstruktive Rolle spielen kann, wenn es um die Verständigung zwischen Völkern, Ländern und Kulturen geht.....

Der "Dialog der Kulturen" setzt aber auch eine "Kultur des Dialogs" voraus. Diese Kultur hat es zwischen Gelehrten der christlichen und der islamischen Welt stets gegeben. Worauf es heute jedoch ankommt, ist, dass der interreligiöse Dialog nicht nur eine Debatte zwischen Gelehrten bleibt, sondern zu den Menschen, zu allen Gläubigen, getragen wird....

So hoffe ich, dass unsere beiden Völker, unsere Kulturen und Religionen einander mit Achtung und Aufmerksamkeit zuhören, und wünsche dem interreligiösen Dialog hier in der Wiener Hofburg viel Erfolg und Gottes Segen.

Referat von Staatspräsient Dr. Seyed M. Chatami

Zuerst möchte ich Herrn Präsidenten Klestil danken, auf dessen Initiative diese Diskussionsrunde zurückgeht. Es ist nur natürlich, dass diese Diskussionen unsere gegenseitigen Erkenntnisse vermehren und dazu beitragen können, die Missverständnisse zu beseitigen, den Horizont unseres Wissens über den anderen zu erweitern und gegenseitige Zuneigungen hervorzurufen. Wenn dieses Verfahren Anerkennung Verbreitung in der Welt findet, führt es dazu , dass militärische Autorität durch die Autorität des Wortes, des Denkens, der Erkenntnis und der Liebe ersetzt wird....

Theologische Diskussionen wie die Attribute Gottes, das Verhältnis zwischen Gott und der Welt, Auferstehung und Prophetentum spielen eine wichtige Rolle beim Dialog der Religionen....

Ich möchte in dieser Runde auf wichtige Aspekte der religiösen Theorie in Bezug auf das soziale und politische Leben eingehen. Nach meiner Ansicht lassen sich die wichtigen Elemente der religiösen Sicht und der sozialen und politischen Probleme in drei Punkten zusammenfassen. Das sind Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Die Freiheit, von der die Religionen sprechen, ist anders als die Freiheit in der Philosophie. der Politik und der neueren Sozialwissenschaften, auch wenn im allgemeinen hier Zusammenhänge bestehen. Erlauben Sie mir noch einmal, zu dem Bild des religiösen Baumes zurückzukehren. Der religiöse Baum hat zwei Standorte. Wenn wir ihn in der Sprache Platons beschreiben, müssen wir sagen, dass "die Idee des religiösen Baumes" in der Welt der Ideen im Himmel existiert. Es gibt einen irdischen religiösen Baum, welcher der Schatten jenes Ursprungs ist. Die Erde, auf der dieser religiöse Baum wächst, wird durch den Segen dieses Baumes ein Teil des Himmels: "Die himmlische Erde". Auf dieser Erde wohnt ein Teil des Himmels. Dieser Baum, der auf unsere Erde herabgestiegen ist, hat wie sein Ursprung in der Welt der Ideen Wurzeln, Äste und Zweige. Der irdische religiöse Baum ist in den Herzen und Seelen der Menschen verwurzelt. Daher ist nach koranischer Ansicht der Ort der göttlichen Offenbarung das Herz des Propheten. Die Zweige und Blätter dieses Baumes sind die Sprache und die äußeren Handlungen der Menschen. Daher ist die Religion als erstes eine Angelegenheit des Herzens, des Gewissens und des Geistes. Auch wenn klar ist, dass die Religion ebenfalls soziale und politische Aspekte hat...

Daher ist die Freiheit der Religion im ersten Schritt die Freiheit des Geistes. So ist die Freiheit zu allererst eine geistige, moralische und erzieherische Angelegenheit. Was als politische Freiheit in der Politik und im Rechtswesen zu Tragen kommt, ist selbst die Frucht dieses Baumes. Bleiben wir bitte noch im Bild. Es ist klar, dass die Wurzel die Grundlage des Baumes ist und das Sein und Nichtsein des Baumes davon abhängt. Doch eine gesunde Wurzel nährt die Hoffnung, dass der Baum Früchte trägt. Das beste Kriterium für ein Urteil über Gesundheit oder Krankheit einer Wurzel sind die Früchte. Ein Baum, der keine Früchte trägt, ist krank und unfähig, auch wenn er groß und stark zu sein scheint.

Daraus möchte ich schließen: die Freiheit der Religion ist zwar im Geist und in der Seele des Menschen verwurzelt, wenn aber aus ihr keine politische Freiheit für die Menschen erwächst, so muss die Gesundheit dieses Baumes bezweifelt werden..

Der Glaube ohne Freiheit hat keinen Realitätsbezug. Grundsätzlich: die Vorstellung des Zwangs - innerlich oder äußerlich - in Sachen Glauben ist ein Widerspruch in sich. Glaube unter Zwang ist eine Quadratur des Kreises. Dies lässt sich nicht einmal in Gedanken vorstellen, geschweige denn in der Außenwelt antreffen.Die Gerechtigkeit ist die wichtigste Forderung des Islam und des Christentums. Die heiligen Schriften des Islam und des Christentums fordern im Wortlaut und im Geiste des Wortes zu Gerechtigkeit auf. Der Bestand eines gesunden sozialen Lebens hängt von der Gerechtigkeit ab. In einer Welt, die ständig kleiner wird, in der keine politische und wirtschaftliche Entscheidung auf die Grenzen eines einzigen Landes beschränkt bleibt, ist die unvergleichliche Bedeutung der Gerechtigkeit in den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der Welt deutlich geworden.

Freunde, Dialog ist nichts Selbstverständliches. Er ist keine leichte Angelegenheit. Er ist keine alltägliche und gewohnheitsmäßige Handlung zur Befriedigung gewöhnlicher Bedürfnisse. Dialog ist wie ein Kristallbehälter, dessen Farbe von seinem Inhalt bestimmt wird. Wie eine farbige Flüssigkeit in einem Glas nimmt der Dialog die Farbe seines Gegenstandes an. Ich gebrauche dieses Bild, um sofort zu erklären, dass Dialog als eine Methode, als eine Form etwas anderes ist, als der Gegenstand des Dialogs und der Inhalt. Die Beachtung dieses Punktes führt dazu, dass wir im ersten Schritt die Bedeutung der Form und der Methode bekräftigen, sie vom Gegenstand des Dialogs trennen und ihn gesondert betrachten.

Wenn der Dialog als Form und Behälter betrachtet wird, erkennen wir seine wahre Bedeutung. Wir genießen den Duft des Parfums umso mehr, weil es sich in einer Flasche befindet. Der iranische Dichterfürst Hafis, dessen Gedichte wegen der geistigen Verwandtschaft Goethes mit ihm durch gute deutsche Übersetzungen, wie die vom blendenden Übersetzer und Orientalist, Hammer Purgstall mehr als unsere anderen Dichter im deutschen Sprachraum bekannt geworden sind, beschreibt in einem schönen lyrischen Gedicht den Unterschied zwischen Rose und Rosenwasser. Er meint, dass das Schicksal der Rose und des Rosenwassers vorherbestimmt seien.
Die Vorherbestim mung habe die Rose zu einer Geliebten gemacht, deren Schönheit von jedem bewundert werden kann. Das Rosenwasser müsse dagegen hinter dem Schleier bleiben, nicht jedem zugänglich und nur in einem geschlossenen Behälter. Die schöne Rose, die zu Hause und draußen auf allen Plätzen wächst, ist wie eine schöne Geliebte, die auf allen Straßen und Märkten zu beobachten ist. Doch das Rosenwasser ist die Königin in einem Schloss, den Blicken der Menschen verborgen.

In diesem Bild scheint der Dialog auf den ersten Blick die Rose zu sein. Doch bei weiterer Überlegung ist er das Hafis'sche Rosenwasser: Schwer erreichbar, selten und verborgen. Es bedarf viel Mühe, an ihn heranzukommen. Ja, es ist eine unermüdliche Suche nach dem Dialog notwendig. Dialog bedarf viel Mut, Weitherzigkeit, Herzensbildung und ein offenes Ohr...

Der Dialog der Kulturen und Zivilisationen kann naturgemäß viele Bereiche betreffen. Darunter einen sehr wichtigen, vielleicht auch den wichtigsten Bereich, nämlich den Dialog der Religionen. Bei diesem Dialog beschreiten wir einerseits einen gefahrvollen und schwierigen Weg, aber auch andererseits einen leicht erreichbaren. Die Leichtigkeit des Weges besteht darin, dass die Sprache der Religionen, da sie über die gleichen Begriffe verfügen, eine gemeinsame Sprache ist. Die Gemeinsamkeit der Sprache geht auf die Gemeinsamkeit des Ursprungs zurück, er ist die erhabene und einzige göttliche Wahrheit

Die Gefahren und Schwierigkeiten dieses Weges bestehen darin, wenn die Diskussion die Wurzel verlässt und sich zu den Zweigen, Blättern und Blüten dieses Baumes hinbewegt. Hier fangen die Meinungsunterschiede an, so dass die Betonung dieser Unterschiede große Hindernisse auf dem Wege des Dialogs der Religionen aufbauen kann.... Doch der Bestand dieses Baumes ist von seiner Wurzel abhängig. Ist sie lebendig, gesund und imstande, Nahrung aufzunehmen, erhält sie auch ihre Blätter lebendig und grün. Ist sie dagegen schwach und unfähig, kann ihr auch dann nicht geholfen werden, wenn ihre Blätter und Blüten ständig aufpoliert werden..

Daher schlage ich vor, in Diskussionen wie den heutigen die Hauptfragen der religiösen Erkenntnis zu behandeln. Diese Fragen betreffen zum Teil religiöse Überzeugungen und Religionswissenschaften, teilweise soziale und politische Fragen und zum Teil gottesdienstliche Handlungen und religiöse Pflichten.

Der dritte Punkt betrifft den Frieden. Der Friede ist in der Tat das Ergebnis der Verbindung zwischen Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt. Nichts ist wichtiger und notwendiger als Frieden für das Leben des Menschen, insbesondere in einer Zeit der Verbreitung der zerstörerischen Waffen, in der jederzeit durch einen Knopfdruck das Leben von Millionen ausgelöscht werden kann. Es ist aber klar, dass Frieden ohne Einhaltung der Rechte der anderen ohne Vermeidung von Gewaltanwendung und der Aufoktroyierung des eigenen Willens auf andere nicht erreichbar ist. Wenn ein Land seine nationalen Interessen derart definiert, dass die Rechte und Interessen anderer verletzt werden, ist dieses Land selbstverständlich kein Verfechter des Friedens. Den Frieden kann man nicht allein mit Worten unterstützen, denn den Worten müssen auch Taten folgen.

Der Dialog zwischen der islamischen Welt und der westlich-christlichen Welt ist ohne Beachtung der Hindernisse und Schwierigkeiten, die auf diesem Wege aktuell und potentiell vorhanden sind, nicht realisierbar. Es gab Kriege zwischen einigen Muslimen und Christen in der Zeit der Kreuzzüge. Das ist sehr lange her. Vor nicht allzu langer Zeit wurde das Verhältnis zwischen den islamischen und westlichen Ländern durch koloniale Bestrebungen gestört. Um die Hindernisse auf dem Wege des Dialogs zu überwinden, müssen wir diese Geschichte genau kennen. Wichtiger ist jedoch, uns mit Mut und Großmut zu entschließen, diese Hindernisse zu überwinden und aus den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit unsere Schlüsse ziehen für den Aufbau subtiler menschlicher Beziehungen. Wer heute von den Kreuzzügen nicht zu diesem Zweck, sondern mit dem Ziel, alte Hassgefühle zu schüren, spricht, ist in der Tat moralisch abgestürzt. Für dessen Seelenheil muss man beten und sich nicht mit ihm anlegen.

Diese Kriege hatten nicht nur Tod und Zerstörung zur Folge, sondern auch das Ergebnis, dass der Westen damit begann, sich mit der Zivilisation und Kultur des islamischen Ostens zu befassen. Heute können und dürfen wir diese Kriege nicht wiederholen. ...

Über die praktische Wirkung dieses Vorschlages lässt sich diskutieren. Dabei müssen wir den übertriebenen Optimismus oder Pessimismus in Bezug auf die Wirkung des Dialogs auf die internationalen Beziehungen vermeiden. Man kann aber auch die Sache nicht vernachlässigen. Der Politiker, der dies nicht ernst nimmt, nimmt seine nationale, soziale und humanitäre Verantwortung nicht ernst. Wenn er Grundsätzlich nicht imstande ist, die Komplexität und die Notwendigkeit des Dialogs zu begreifen und ihn daher nicht ernst nimmt, ist er tatsächlich ein Politiker, der noch in der Zeit des Kalten Krieges lebt und nicht in der Lage ist, die raschen und tiefgreifenden Entwicklungen unserer Zeit zu verstehen.

Der Dialog der Kulturen und Religionen trägt zur Entfaltung einer Welt bei, in der mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden herrscht. Wer einen tiefschürfenden, ernsthaften, mit Herz und Seele geführten Dialog als naiv betrachtet, hat von den menschlichen Erfahrungen in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, Kultur, Kunst und Spiritualität nicht viel mitbekommen. Ein Leben in Freiheit, Frieden und Sicherheit ist ein Haus, das von Architekten entworfen wird, die reden können und mit der heiligen Kunst des Hörens vertraut sind.

Dialog ist nicht nur ein Weg unter vielen, sondern der einzige vernünftige und moralische Weg. Alles andere führt zu Krieg, Aggression und Terrorismus. Aggression ist stumm und sprachlos, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit werden zuerst durch Worte gesät, die später ihre Früchte in die Außenwelt tragen. Das Wort ist heilig, denn im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Dialog aus dem Herzen der Religionen Kardinal Dr. Christoph Schönborn

Verehrter Herr Staatspräsident!Verehrter Herr Bundespräsident! Meine Damen und Herren!

In dieser außergewöhnlichen und von Gott geschenkten und gesegneten Stunde bewegt mich eine Frage, die Sie, verehrter Herr Staatspräsident, im "Weimarer Gespräch" am 12. Juli 2000 so klar formuliert haben. Sie haben dort, an Ihre Rede an der Universität Florenz anknüpfend, gesagt, "dass der Dialog der Zivilisationen und Kulturen ein Begriff ist, der durch das stetige Bemühen entstanden ist,sich der Wahrheit zu nähern und zu einer Verständigung zu gelangen. Der Dialog ist die Logik des Sprechens und Hörens. Er hat weder mit den Skeptikern zu tun, die nicht glauben, dass es eine Wahrheit gibt,

noch mit denen, die glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein" (Syed Mohammad Khatami, Religiosität und Modernität, Heidelberg.2001, 12-13). Es war diese Fragestellung, die mich bewog, bei meinem Besuch im Iran vor einem Jahr in meiner Rede vor Studenten und Professoren der Imam Sadiq-Universität in Teheran die Frage nach dem Verhältnis von Wahrheitssuche und Dialogbereitschaft aufzugreifen. Ich darf kurz daraus zitieren:

"Lassen Sie mich ganz offen mit dem schwierigsten Punkt beginnen", so sagte ich meinen Zuhörern in Teheran: "Unsere beiden Religionen, das Christentum und der Islam, verstehen sich als universale und missionarische Religionen, sie sind nicht nur für ein Volk und ein bestimmtes Land da, sondern für alle Menschen aller Völker. Von ihren Stiftern, genauer gesagt, von der Offenbarung her, die ihnen anvertraut ist, haben sie den Auftrag, das Licht dieser göttlichen Offenbarung zu allen Menschen zu bringen, als Botschaft und Weg des Heils und des Lebens. Deshalb waren unsere Religionen vom ersten Moment an missionarisch und sind es tatsächlich bis heute. Das gehört unaufgebbar zur Identität unseres Glaubens.

Ist ein solcher Wahrheitsanspruch überhaupt mit der Haltung des Dialogs vereinbar? Ist er nicht vielmehr Ursache vieler Konflikte, bis hin zu den Religionskriegen? Heute ist daher im Westen die Ansicht weit verbreitet, es könne einen ,Dialog der Kulturen' nur geben, wenn .die Religionen ihren Wahrheitsanspruch zurücknehmen und auf Mission verzichten." (Kard. Ch. Schönborn, Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens. Vortrag Festvortrag an der Islamischen Imam-Sadiq-Universität in Teheran. 19. Februar 2001, 4.)

Ist also die Alternative: Krieg der Wahrheitsansprüche oder Relativismus? Ist der einzige Ausweg aus dem drohenden "clash of civilisations" die Preisgabe jeder Form von verbindlicher Wahrheit? Dass es auch einen anderen Weg gibt, ja dass der Weg des Dialogs nicht den Verzicht auf Wahrheit bedeutet, das war das Thema der "Weimarer Gespräche".

Ich danke Ihnen, Herr Staatspräsident, dies so klar ausgesprochen zu haben. Darf ich heute einen weiteren Schritt in diesem .Dialog wagen: Wir sind heute weltweit mit der Skepsis konfrontiert, dass unser Bemühen um den "Dialog der Kulturen und Religionen" im Grunde unter dem unausgesprochenen und uneingestandenen Vorzeichen steht, es müsse dabei das innerste Anliegen der Religionen eingeklammert bzw. ausgeklammert werden, da dieses notwendigerweise intolerant sei. Dies gelte vom Christentum wie vom Islam, ja selbst vom Hinduismus und Buddhismus, es gelte im Grunde von allen Religionen, weil Religion in sich den Keim der Intoleranz trage.

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